Einmal muss doch genug sein?

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Gedanken zum Gedenken – anlässlich des österreichischen Gedenkjahres 1938/2018

Wer kann heute noch schuldig sein?

Das Gesetz kennt – mit gutem Grund – Strafmündigkeit für Verbrecher erst ab 14 Jahren (§4, VStG). Verbrechen, die von Kindern getan wurden, sind nicht strafbar. Volle Straffähigkeit setzt erst bei 16 Jahren an (§58/2) ein. Wer 1945 also Straftaten im Rahmen der Schoah begangen hat, ist heute zumindest 87 bis 89 Jahre alt. Ich gehe davon aus, dass meine Leser allesamt jünger sind.

Es ist offensichtlich, dass wir, die wir heute leben, keine Täter sind, daher auch nicht verantwortlich für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs im Allgemeinen und der Schoah im Speziellen sein können. Selbst die direkten Nachkommen der Täter können für die Verbrechen ihrer Eltern und Großeltern nicht verantwortlich gemacht werden. Sie können sich ihrer Vorfahren schämen, denn es gibt keinen Grund, auf die Taten ihrer Ahnen stolz zu sein, ihnen selbst kann aber niemand Vorwürfe machen.

Aber?

Natürlich gibt es da ein Aber. Nicht, was unsre persönliche Verantwortung anbelangt. Unsre Unschuld steht außer Zweifel.

Weder ich, noch irgendjemand in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, hat jemals einen Juden, einen Roma oder einen „Gegner des Systems“, umgebracht, ja nicht einmal gefoltert oder eingesperrt. Vielleicht hätten sogar der eine oder andere von uns so etwas gerne getan, aber es ist heutzutage schlicht nicht möglich. Wir hatten tatsächlich keine Chance, zu Tätern zu werden. Wir sind – aufgrund der heutigen Umstände – vollkommen unschuldig.

Mit anderen Worten: Wir haben das Glück, in Europa und in einer Zeit zu leben, in der ein Mensch nicht zum Täter der Massenvernichtung werden kann.

Dennoch tragen wir Verantwortung, vielleicht in weit größerem Maße, als unsere Urgroßeltern in den 1930er Jahren. Damals nämlich waren Verbrechen, wie sie während der Schoah passiert sind, für viele Menschen undenkbar. Ich wage den Verdacht, dass 1935 in Nürnberg, ein großer Teil der Delegierten eine Massenvernichtung in diesem Ausmaß zwar als prinzipiell wünschenswert aber – rein technisch – als unmöglich gesehen hat. Damals, genau wie 1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, oder 1868, als sich der Nationalismus in Österreich so richtig bemerkbar machte, war es möglich, sich Dinge zu wünschen, die uns heute unfassbar erscheinen: ethnische Säuberungen. Die Deutschen sollen aus Böhmen verschwinden! Die Juden sollen aus Wien verschwinden!

Was man damals kannte, waren die mittelalterlichen Pogrome. Pogrome sind Verwüstungen, die durch eine wilde Horde verursacht werden, die zumeist extra dazu aufgehetzt wurde. Wobei Pogrome in einer zivilisierten Gesellschaft, einer Gemeinschaft von Dichtern und Denkern, kaum vorstellbar erschienen.

Heute sieht die Sache ganz anders aus: Wir wissen, aus Erfahrung, dass ethnische Säuberungen technisch machbar sind. Wir wissen, dass es technisch kein Problem ist, sechs Millionen Menschen zu ermorden. Man muss es nur tun wollen, dann kann man es auch tun. Denn es war schon mit den – vergleichsweise primitiven – Mitteln der Nazis vor 75 Jahren möglich.

Worin genau liegt jetzt unsere Schuld?

Wir tragen, wie ich oben bewiesen habe, absolut keine Schuld. Das heißt aber nicht, dass wir unschuldig sind. Unseren Vorfahren kann man zugutehalten, dass sie nicht wussten, was sie forderten. Sie waren daher, bis zur endgültigen Tat, in einem gewissen Sinne unschuldig. Diese Unschuld gibt es heute nicht mehr. Wer heute fordert, dass alle Immigranten oder Assylwerber aus Wien, aus Innsbruck, Graz oder Bad Vöslau, zu verschwinden haben, der weiß ganz genau, was das bedeutet. Das ist nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ein Aufruf zum Mord an mehreren hunderttausend Menschen. Selbst vergleichsweise unschuldige Forderungen, wie „man sollte ihnen das Leben einfach ein bisschen schwerer machen, dann werden sie schon von alleine gehen“ haben das Potenzial zum systematischen Mord zu führen, wie wir mittlerweile auf Grund der Erfahrungen nach dem Anschluss wissen.

Wer ist Wir?

In diesem Wir ist jeder Mensch enthalten, der europäisch gebildet oder sozialisiert ist, denn wir wissen, wessen wir fähig sind. Wir das sind natürlich die Österreicher und die Deutschen. Auch die Engländer, Franzosen, Italiener, Russen und Amerikaner. Auch die Juden und Roma, die Nachkommen der Opfer, denn wir alle sitzen im selben Boot. Und in diesem Boot ist noch jede Menge Platz für andere. Leute wie Ahmadinedschad oder Rohani kennen die Geschichte der Schoah genau. Für sie gibt es ebenso wenig eine Ausnahme, wie für indische, pakistanische oder koreanische Führer.

Was bedeutet das jetzt konkret?

Ganz konkret bedeutet das nicht mehr, aber auch nicht weniger, als dass wir ganz genau überlegen müssen, was wir sagen und was unsere Aussagen bewirken können. Denn ein weiterer Holocaust, eine weitere maschinelle Massenvernichtung, ist möglich. Wenn man genau darüber nachdenkt, erkennt man, dass die Wiederholung sogar ausgesprochen wahrscheinlich ist.

Gedenken – heute – bedeutet also nicht, dass wir uns für Verbrechen schämen müssen, die wir nicht begangen haben. Gedenken bedeutet, dass wir die Pflicht haben, innezuhalten und unsere Worte und Taten kritisch zu hinterfragen, dass wir uns überlegen müssen, wohin unsere Forderungen, konsequent weiter gedacht, führen werden. Und aus dieser Überlegung heraus sind Gedenkjahre, wie 2018 eines ist, auch 80 Jahre nach dem Anschluss noch berechtigt und wichtig.

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Johannes Norz

Citrix consultant, evangelist, blogger and trainer, Austria

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